Ratgeber Prävention 04/2008
Thema: Raser, das sind immer die Anderen
 
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Höher, schneller, weiter. Der Beste sein und die Nase vorn haben. Was für den Menschen zur Zeit des Säbelzahntigers eine Überlebensstrategie war, ist auch heute noch aktuell. Ob im Beruf oder beim Beeindrucken des anderen Geschlechts - die Nasenlänge voraus macht den Siegertypen aus. Mit dieser Einstellung ins Auto zu steigen bedeutet dagegen Gefahr - für sich und andere. Denn als weiteres Erbe der Urzeit gilt immerhin auch, dass die für den Menschen beherrschbare Geschwindigkeit bei nur 30 km/h liegt. Darüber blendet die Aufmerksamkeit scheinbar unwichtige Dinge aus, und dazu können auch Verkehrsschilder am Straßenrand und das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer gehören. Doch wen schert die graue Theorie, wenn die Praxis so verlockend erscheint? Nicht wenige Fahrer gehen offenbar davon aus, dass das schützende Blech, Airbag, ABS und ESP unverwundbar machen.

Noch mehr sind offensichtlich der Meinung, dass sie durch langjährige Erfahrung dem Durchschnittsfahrer überlegen sind. Mit dem Gedanken "Weil ich besser fahre, darf ich schneller fahren" hat die Selbstgerechtigkeit die Vernunft längst überholt.

Geschwindigkeit kann rauschhafte Zustände bewirken, die mit dem Gefühl höchster Konzentration und Unverwundbar einhergehen. Fachleute sprechen von Flow-Efekt.
Bedenklich stimmen die Risiken und Nebenwirkungen: Einer Studie zufolge sind die Leistungseinbußen bei schnellem Tempo vergleichbar mit denen, die durch Alkohol hervorgerufen werden: 70 km/h statt 60 gefahren ist mit einem Alkoholpegel von 0,8 Promille vergleichbar. Nicht nur die zulässige Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten bedeutet ein Wagnis. Unangemessen ist ein Tempo auch dann, wenn keine Aufmerksamkeit mehr für plötzlich auftretende Situationsänderung vorhanden ist: Dazu gehört der ausscherende Lkw auf der Autobahn ebenso wie die sich zuziehende Kurve auf der Landstraße. Das einem Ball hinterherlaufende Kind sowieso.

Noch immer gilt zu schnelles Fahren in Deutschland als Kavaliersdelikt, Rasen fängt für viele erst da an, wo es Punkte in der Flensburger Verkehrssünderkartei gibt. Ob mit 60 km/h durch die Stadt oder mit 120 km/h über die Landstraße, die Toleranz ist groß, wenn es um das eigene Fehlverhalten geht. Raser, dass sind doch die anderen. Eine Einstellung, die sich auch im Rahmen von verkehrspsychologischen Beratungen widerspiegelt.

Natürlich fährt niemand in seiner eigenen Beurteilung zu schnell. Jedenfalls nicht oft. Und wenn man es ziemlich eilig hat gibt es dafür meistens Gründ. Aber gemessen am eigenen Fahrkönnen ist das tempo jenseits des Limits nicht wirklich rasant.

Ihr Präventionssachbearbeiter
Polizeiobermeister Dieter Kutschenreuter
Polizeirevier Burgstädt